Kum Nye

Was für die Menschen des östlichen Kulturkreises selbstverständlich ist, fällt uns unaufhörlich denkenden Menschen im Westen außerordentlich schwer. Ruhig zu sitzen, nichts zu tun und dabei auch nichts zu denken ist, so unglaublich es auch klingen mag, eine der schwersten Übungen überhaupt. Gleich einem Kreuzfeuer stürmen jede Sekunde Gedanken auf uns herein, die sich mit der Vergangenheit befassen, mit der Zukunft oder der Bewertung der Gegenwart.
Tarthang Tulku, ein hoher tibetischer Lama, führte „Kum Nye“, eine besondere Art der Meditation, im Westen ein. Kum Nye ist eine modifizierte und gekürzte Zusammenstellung aus mehreren hundert Übungen, die im tibetischen Buddhismus zur Vorbereitung auf eine tiefergehende Meditationspraxis dienen.
Die Sitzhaltung ist, wie sonst auch in der Meditation üblich, der Halblotussitz oder, für den Ungeübten, auch der einfache Schneidersitz. Um die Gedankenvielfalt einzuschränken, erfolgt als nächstes die Konzentration auf die Atmung. Die geschieht in der Weise, daß man sich vorstellt, den Atem im ganzen Körper umherzuschicken, um dann mit ihm Verspannungen von innen heraus zu massieren. Der Atem soll in Gedanken durch die Muskeln des Körpers fließen und diese dabei in zunehmenden Maße entspannen. Weiter soll er von innen heraus den feinstofflichen Energiekörper, die Aura, massieren und so stärken.
Diese und ähnliche Übungen haben zum Ziel, ein inneres Gleichgewicht zwischen dem Körper, den Sinnen und den Emotionen herzustellen. Tulku schreibt dazu:

    „Im allgemeinen lassen uns Emotionen unser Gleichgewicht verlieren. Wenn wir jedoch mit Hilfe der Übungen die Energie der Emotionen dazu benutzen, unser inneres Gleichgewicht aufrechtzuhalten, statt es durch negative Einflüsse zu verlieren, dann können wir uns verbinden mit der gesamten Vitalität des Universums. Durch Entspannung erwecken wir Gefühle zum Leben, die sich dann ausweiten und verstärken, bis wir allmählich ein tiefes, alles durchdringendes Energiefeld wahrnehmen können, welches uns zu unendlicher Ruhe und Lebenskraft zugleich verhilft.“

Jede der Übungen, die entweder im Sitzen, Stehen, Knien oder Liegen vollzogen werden, spricht andere Körperpartien und damit andere emotionale Bereiche an. Die Übungen tragen klangvolle Namen wie beispielsweise „stärkende Gefühle anregen“ oder „Geist und Sinne ausgleichen“ oder ganz einfach „nichts als Glückseeligkeit“. Die Übungen entspannen, machen wach und gelassen und ermöglichen es, in aller Ruhe den jetzigen IST-Zustand anzuschauen. In aller Regel kommen dabei nach und nach versunkene Emotionen zum Vorschein, die bislang unterdrückt worden sind.
Bei vielen Körperübungen werden Kopf, Arme oder Rumpf langsam in waagrechter , senkrechter oder kreisförmiger Richtung vor und zurück bewegt, meist drei- bis neunmal.
Die langsame Behutsamkeit und Allmählichkeit sowie die Kontinuität der Bewegungen stellt einen Gegensatz zu der Art und Weise dar, wie wir normalerweise durch unser Leben von Termin zu Termin hetzen. Eingebunden in innere und äußere Zwänge, ständig darauf bedacht, etwas zu erreichen oder zu „vermeiden“, vollzieht sich unser Alltagsleben zumeist in wilden Bocksprüngen. Die Übungen des Kum Nye, die man nur bei einem erfahrenen Lehrer erlernen sollte, sind besonders für den zu empfehlen, der sich selbst mehr kennenlernen, besser auf sich achtgeben und einen tieferen Zugang zu den eigenen Sinnen, Gefühlen und Empfindungen finden möchte.

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© 1999 Dr. William L. Mayo Association