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Kampfkünste als Meditation
Auch Kampfkünste leisten heute einen wichtigen Beitrag zur integralen Entwicklung des Menschen. In ihrer höchsten Ausdrucksform fördern sie gleichermaßen moralisches Empfinden, athletische Fähigkeiten und eine Ahnung von der Einheit allen Seins. Im Kampfkunsttraining werden Fähigkeiten wie die Wahrnehmung ganz subtiler Veränderungen der Atmosphäre der warme Wind im Gesicht, das Summen der Insekten, die Farben der Blüten, das Rascheln der Blätter im Wind mit Hilfe von Atemübungen, Zurückgezogenheit, Meditationsübungen und anderen Techniken trainiert. Ziel ist es, den Geist zur Ruhe kommen zu lassen, das ständige Uhrwerk der kreisenden Gedanken abzuschalten, um so die Sinne zu schärfen, damit sie voller Klarheit mit einer neuen weiteren Reichweite funktionieren.
Kampfkünste im eigentlichen Sinne sind weder Sport noch Selbstverteidigung, sondern vielmehr eine Summe fließender Bewegungen, die offen in alle Richtungen ausgeführt werden. So kommt es zu einer Stille des Geistes in der einfachen Bewegung. Die Stille wird in der Bewegung kultiviert, und dadurch wird sie zur wahren Stille.
Der Mensch kommt auf die Welt mit einem Geist, der weder bewußt noch unbewußt ist. Es ist ein weicher und fließender Geist, offen in alle Richtungen und im Einklang mit dem Universum. Dann aber gingen die natürliche Bewegung und die Einheit mit dem Ganzen verloren. Nun versuchen wir ein Leben lang, neue Symbiosen wiederherzustellen, immer noch in der Hoffnung, jenen ursprünglichen Verlust wieder auszugleichen und den nichtvergessenen Idealzustand wiederherzustellen. Im Aikido geht es, ebenso wie im Zen, eigentlich um nicht anderes, als diesen Idealzustand für Momente wieder auferstehen zu lassen. Die Form der natürlichen Bewegungen soll diesen Fluß der Einheit erneut symbolisieren. Einer alten taoistischen Wahrheit folgend, ist Meditation in Aktivität der Meditation in Ruhe vielfach überlegen. Die Stille in der Stille ist nicht die wahre Stille, denn nur wenn in der Bewegung Stille herrscht, offenbart sich das Universum.
Dazu kommt, daß sich Qi, die vitale Lebensenergie, durch die Bewegungen des geübten Kampfkünstlers wecken und mobilisieren läßt, um bestimmte Aufgaben auszuüben und besondere Fähigkeiten zu entwickeln. Dazu gehört auch, sich selbst zu kultivieren durch das Loslassen der Gedanken oder Gefühle, um durch dieses geistige Fasten das eigene Wesen zu erfassen und sich über die Grundtugenden des Menschseins wieder klarzuwerden, die da sind:
- Gerechtigkeit ohne Täuschung oder Unehrlichkeit
- Tapferkeit, sowohl moralisch als auch körperlich
- Güte, Großmut, Liebe und Sympathie
- Höflichkeit
- Wahrheitsliebe
- Ehre
- Loyalität
Aikido drückt die traditionelle zenbuddhistische Samurai- Tugend der gelassenen Spontaneität unter schwierigen Bedingungen und auch die taoistische Tugend der Harmonie aus. Darüber hinaus können Harmonie, Gleichmut, Spontaneität und Versöhnung auf den Angreifer übertragen und somit sofort praktisch umgesetzt werden .
Die meisten Kampfkünste gleichen durch ihre Schönheit höchsten Formen des Tanzes. Sie spiegeln den Wert wieder, den die Kulturen Chinas und Japans auf Ästhetik und Liebe zu Detail auch im Alltag legen.
Gerade Tai-Chi- und Aikido-Bewegungen sind besonders anmutig, weil sie auf Prinzipien der Harmonie und disziplinierter hingebungsvoller Spontaneität beruhen. Dies verleiht ihnen eine Schönheit, der immer und überall Ausdruck verliehen werden kann, selbst in kleinsten unbedeutsamen Handlungen oder auch im Streit oder im Leid.
Die Kraft zur Transformation, die die Kampfkünste in sich tragen, rühren von der Fülle an sorgfältig einzuübenden Techniken her. Die unterschiedlichen Übungen verhelfen dem Praktizierenden dazu, seine Koordination, Balance, Beweglichkeit, Stärke, Ausdauer, Spontaneität und blitzschnelle Auffassungsgabe und Intuition zu entwickeln. Sie tragen damit ein immenses Potential an moderner körperorientierter Therapie und Transformationstechniken in sich und dienen der Selbstfindung und Selbstschätzung.
Wie auch die im Westen entwickelte Alexandertechnik fördern sie eine korrekte Haltung, oder wie die Feldenkrais- Methode lehren sie weiche, angenehme Dehnungen. Alles in allem umfassen die Kampfkünste ein ungeheures Wissen über Psychologie und Bewegungsabläufe, dem schnelle weitere Verbreitung zu wünschen ist.
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© 1999 Dr. William L. Mayo Association 
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