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Die Lebenskunst des Tao
Sie sind aufrecht und gerecht, ohne zu wissen, daß solches Tun Rechtschaffenheit darstellt. Sie lieben einander, ohne zu wissen, daß solches Güte ist. Sie sind ehrlich und wissen doch nicht, daß solches Treue ist. Sie halten ihre Versprechen, ohne zu wissen, daß sie damit in Glaube und Vertrauen leben. Sie stehen einander bei, ohne daran zu denken. Geschenke zu vergeben oder zu empfanden. So hinterläßt ihr Handeln keine Spur.
Die Lebenskunst des Tao beschreibt in einfacher, aber sehr eindrucksvoller Weise, wie ein Mensch in der heutigen Zeit leben müßte, um sich ganz im Einklang mit den Gesetzen der Natur zu bewegen. Zweifellos stellt dies den Menschen in unserer Gesellschaft vor eine immens große Herausforderung. Gelingt es jedoch, nach und nach Aspekte dieser Lebenseinstellung zu übernehmen, so sind Gesundheit, Lebensintensität und Lebensfreude die reiche Belohnung.
Wer je im Leben eine tiefgreifende Existenzkrise durchgemacht hat, erinnert sich vielleicht daran, daß die Wende zum Besseren genau in dem Moment eintrat, da man aufgehört hatte zu kämpfen. Aufhören mit sinnlosen Kämpfen, aufmerksam leben im Augenblick, sich nach dem Fluß des Lebens richten, statt sich gegen ihn zu stemmen, das bedeutet wu wie. Wörtlich übersetzt heißt es Nichtstun oder Nichthandeln, was jedoch nicht bedeuten soll, träge und entschlußlos oder lässig zu sein. Es bedeutet lediglich, daß man handelt, ohne einzugreifen, um die Dinge geschehen zu lassen. Es ist die Fähigkeit, das Steuer des Lebens jener Macht zu überlassen, die eine Dimension von uns selbst ist und die Laotse einst das Tao genannt hat.
In der Dialektik des Taoismus ist von Menschen die Rede, die die Qualität des unbehauenen Klotzes besitzen. Die Welt des unbehauenen Klotzes ist eine Welt voller Natürlichkeit, Absichtslosigkeit, Egozentrik, frei von Motiven und jeglichem zielbehafteten Streben. Man lebt gelassen, ist natürlich und offen für die Bewegungen des Daseins und empfängt alle Ereignisse mit offenen Armen. Man kämpft nicht mehr oder zerbricht sich den Kopf darüber, wie Dinge am besten zu lösen seien. Vielmehr handelt man spontan und intuitiv im Sinne des Tao.
Der Mensch des Tao lebt befreit von Vergangenheitsereignissen und Zukunftssorgen vollkommen in der Gegenwart, bestrebt, jeden Augenblick des Lebens achtsam aufzunehmen und zu genießen. Er genießt das Leben dort, wo es stattfindet: hier und jetzt. Er lebt und genießt vollkommen in der Gegenwart. Er versucht, die Dinge um ihn herum nicht zu werten, sondern nimmt sie hellwach und voller Aufmerksamkeit betrachtend an, so wie sie sind. Er läßt Gedanken kommen und gehen, ohne sich mit ihnen zu befassen oder sie festhalten zu wollen. Er gestattet ihnen nicht, sich einzunisten und sich breitzumachen. Er ist wie der Herbstwind, wenn er die braunen Blätter bewegt. Er berührt sie, aber er nimmt sie nicht weit mit.
Der Mensch des Tao trifft seine Entscheidungen intuitiv und spontan, ohne sie gedanklich zu analysieren. Auf diese Weise ist es dem kalkulierenden Verstand unmöglich, sich in Opposition zum Fluß des Tao zu stellen. Er weiß, daß er den Herausforderungen des Lebens nicht mit Kampf und Anstrengung begegnen kann, denn dies würde nur bedeuten, den Dingen mit unzulänglichen Mitteln zu begegnen, anstatt sie jener Macht zu überlassen, welche die Dinge viel besser zu lösen weiß. So gibt er sich dem Fluß des Tao hin.
Der Mensch des Tao kennt keine Ungeduld, überall, wo er sich befindet, ist er angekommen, ist er am Ziel, bei sich selbst. Er wartet auf nichts. Was geschieht, geschieht, und dieses nimmt er an. Er lebt von einem Tag zum nächsten. Er will nichts Besonderes werden, besitzt keinen Ehrgeiz nach Ruhm oder Anerkennung. Ihm genügt sein eigenes erfülltes Leben.
Er hat nicht versucht, seine eigenen Fehler wie Neid, Gier, Eifersucht, Ehrgeiz und all die anderen zu bekämpfen, sondern er hat sie als zu ihm gehörig akzeptiert, sie angenommen und sich mit ihnen als etwas Menschlichem identifiziert. Er hat sie sorgfältig beobachtet, Erkenntnisse über sich und seine Reaktionen gesammelt und so Einsicht gewonnen in die Tiefen seines Wesens. Unter dieser milden Aufmerksamkeit haben die Dinge begonnen, sich von selbst von innen heraus zu wandeln.
Der Mensch des Tao ist voller Lebensfreude, wenn er genießt, lebt er ganz in dem Genuß. Wenn er genossen hat, ist der Genuß für ihn vorbei, weder in Gedanken noch in Wünschen hängt er den vergangenen Genüssen nach. Er akzeptiert seine Gefühle so, wie sie sind, für ihn ist Freude eben Freude, und Leid ist Leid.
Er kennt keine Depressionen, da in sein Unbewußtes keinerlei Verdrängungsmechanismen mehr gelangen. Was er erlebt, verarbeitet er direkt über seine Sinne zum Bewußtsein, ohne daß der Verstand eine Zensur ausübt. Darum ist er ausgeglichen, und seine Stimmung ist von Ruhe, Gelassenheit und grenzenloser Harmonie geprägt. Er trägt Liebe für sich und die Menschen in sich und lebt diese in natürlicher Weise aus.
© 1999 Dr. William L. Mayo Association 
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